Blässhuhn-Ehen: Füttern des Partners bei Kükenverlust

Zuerst hielt ich es für einen ungewöhnlichen Einzelfall. Mitte Juli sah ich, wie S08 (Eppendorfer Mühlenteich) nach Verlust kleiner Pulli aus einem Nachgelege, mehrere Tage lang sein Weibchen fütterte. Er verhielt sich ihr gegenüber so, als ob sie jetzt die Rolle der verlorenen Küken übernehmen würde. Siehe dazu auch die ausführliche Verhaltensbeobachtung im Tagebuch vom 11. und 14. Juli 2011.  Dann kam letzte Woche der zweite Fall hinzu. W27 (Kuhmühlenteich) verlor am 15.08.2011  ihr Küken aus einer Zweibrut. Sie fütterte daraufhin ihren Partner einen Tag lang, was sie vorher nie getan hatte und später auch nicht mehr tat.

Es wirkt so, als ob für eine Übergangszeit, das Füttern bei diesen Blässralleneltern nicht so schnell „abgestellt“ werden konnte. Vermenschlichend gesprochen: als ob sie ein starkes Bedürfnis hatten, weiterhin für jemanden zu sorgen. Interessant ist aber im Falle von W27, dass sich diese Fürsorge nicht auf das verbliebene große Juvenile aus der Erstbrut erstreckte, sondern auf den Partner.  S08 hatte keine weiteren Küken oder Juvenilen mehr. Für ihn gab es sowieso nur noch die Partnerin als „Familienmitglied“. Auffallend ist auch, dass die Rollen nicht wechselten. S08 fütterte im Laufe der Tage nur sein Weibchen, W27 fütterte nur das Männchen. Obwohl sich Blässralleneltern beim Füttern von Küken abwechseln, gab es hier keinen Rollentausch. Vielleicht habe ich es aber auch nicht mitbekommen. Ich bin ja nicht den ganzen Tag vor Ort.

Beim „Füttern des Partners nach Kükenverlust“ scheint es sich also doch um ein öfter auftretendes Verhalten zu handeln. Möglicherweise habe ich es bis jetzt nur so selten beobachtet, weil ich an jedem Gewässer nur einmal pro Woche bin. So bekomme ich die Tage eines Blässrallenpaares direkt nach dem Verlust von Küken nur zufällig mit. Es scheint aber so zu sein, dass nicht jedes Paar auf diese Weise reagiert. Am Kuhmühlenteich mache ich nämlich fast täglich eine Runde. Als W28 + P71 (Kuhmühlenteich)  ihre Küken aus dem Erstgelege verloren haben, fütterten sie sich nicht gegenseitig. Sie schienen im Gegenteil jeden Appetit verloren zu haben und schliefen viel.

Eine solche Phase der Mattigkeit, des Rückzugs und der abnehmenden Zutraulichkeit konnte ich auch bei W27 nach Verlust des Pullus erkennen. War sie sonst, sobald ich ans Ufer trat, auf mich zugestürmt, um leise rufend Futter abzufordern, so hielt sie sich jetzt viel ruhend auf ihrem Nest auf. An Futter hatte sie kein großes Interesse. Sie nahm halbherzig ein paar Bröckchen zu sich und flüchtete dann wieder aus Nest. Insgesamt wirkte sie scheu und suchte von sich aus keinen Kontakt zu mir.

Ähnlich wie Menschen nach einem Verlust eine Phase des Rückzugs und der Trauer durchmachen, scheint es auch bei Blässrallen zu sein. Auch viele Menschen haben ja keinen Appetit mehr und schlafen viel, wenn sie traurig sind. Dass Blässrallen sich aber besonders darum bemühen, den Partner zu verwöhnen, wenn sie ihr letztes Küken verloren haben, ist wirklich einzigartig. Blässrallen sind einfach spannende Vögel!!!

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Über blesshuhn

ehrenamtliche Mitarbeiterin für den Arbeitskreis an der Vogelschutzwarte Hamburg
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