Humpelnde Blässhühner: Sind Ringe gefährlich?

Immer wieder wird von Spaziergängern, die Wasservögel beobachten, folgendes beklagt: „Man sieht so viele humpelnde Blässhühner, die durch Ringe verletzt wurden!“ Hier muss man aber ganz genau hinsehen. Das zeitgleiche Auftreten von Humpeln und Beringung bei einem Blässhuhn ist nicht immer auch ein Hinweis auf einen kausalen Zusammenhang. Seit drei Jahren mache ich umfangreiche Ringablesungen bei Blässhühnern im Stadtgebiet Hamburg. Mir selbst ist kein Fall von einer Fußschädigung durch Beringung bekannt. Auffällig ist aber allgemein das häufige Auftreten von Fußbeschwerden bei Blässrallen. Herr Schafstall aus Eckernförde wies mich darauf hin, dass die gegliederte Form der Füße mit den zarten Schwimmlappen, diese bereits anfällig für Verletzungen macht.

Wenn ein humpelndes Blässhuhn beringt ist, lässt man sich schnell vom Augenschein in die Irre führen. Hier ist ein Beispielbild von T75. Er hat direkt unterhalb des Farbrings ein stark geschwollenes Gelenk. Zum Zeitpunkt der Aufnahme konnte er kaum noch laufen, lag viel und stützte sich mit einem Flügel auf dem Boden ab.
1. Infektionskrankheit: Die Ursache scheint auf den ersten Blick klar zu sein. „Das Blässhuhn hat Stauungen in den Füßen durch den Ring.“ Das denken viele Leute, die ein solches Tier sehen. In Wirklichkeit handelt es sich hier um eine Infektionskrankheit. Sie wird vermutlich durch Salmonellen ausgelöst. Darauf wies mich eine Tierärztin in der Forschungsabteilung der Vogelwarte Radolfzell hin. Die Erreger sind gegen gängige Antibiotika resistent. Was die meisten besorgten Spaziergänger nicht wissen: eine solche Gelenkschwellung mit anschließender Versteifung des Gelenks und auffälligem Humpeln kommt mindestens genau so häufig bei unberingten Blässhühnern vor. Hier ein Foto von einem besonders schwer betroffenen unberingten Tier. Seit Anfang des Jahres habe ich begonnen, eine Statistik über das Auftreten dieser Infektionskrankheit bei beringten und unberingten Blässhühnern zu führen. Dabei zeigt sich kein Überwiegen bei beringten Individuen.
2. Abszesse und andere lokale Entzündungen: Ein weiteres Problem, das zu vollkommener Einschränkung des Laufens führen kann, sind Abszesse. Vor einigen Monaten nahm ich im Schiffbeker Moor ein unberingtes Blässhuhn auf, das große Eiterbeulen an beiden Füßen hatte. Es konnte gar nicht mehr laufen. Im Tierheim Süderstraße wurde es wieder gesund gepflegt. Ebenso hat die unberingte kleine Paula, die ich weiter unten vorgestellt habe, eine Geschwulst unter einer Zehe, die das Laufen sehr erschwerte. Paula habe ich leider nicht mehr wieder angetroffen, so dass ich sie nicht zum Arzt bringen konnte. Auch hier war kein Ring die Ursache. Aber natürlich können auch beringte Blässhühner von solchen Erkrankungen betroffen sein.
2. Amputationen von Zehengliedern: Nicht selten geschieht es, dass Blässhühner mit ihren Zehen irgendwo hängenbleiben. Sie reißen sich dann wieder los, was zum Verlust eines oder mehrerer Zehenglieder führen kann. Auch das habe ich sowohl bei beringten als auch bei unberingten Blässhühnern beobachtet.
3. Verletzungen durch Angelschnüre und Angelhaken: Häufig wird angenommen, dass beringte Blässhühner besonders leicht in Angelschnüren hängen bleiben, dass also die Ringe die Ursache für Angelschnurverletzungen sind. Ich möchte hier ein beringtes Blässhuhn vorstellen, das besonderes Pech hatte. Innerhalb eines halben Jahres wurde es im Eichenpark zweimal durch Angelzubehör verletzt. Zuerst verhedderte sich W49 in eine Angelschnur.Betrachtet man das Bild genau, so sieht man, dass sich die Angelschnur tief ins Gewebe eingegraben hat. Der Ring sitzt aber locker oberhalb des verletzten Fußgelenks. Ein Zusammenhang zwischen Ring und Angelschnurverletzung ist hier meiner Ansicht nach nicht gegeben. Nach der Entfernung der Angelschnur heilte die Wunde und W49 war beschwerdefrei.Dann kam es leider wenige Monate später zur zweiten Verletzung. Eines Tages humpelte sie wieder. Eine Zehe blutete und W49 schleppte einen 10 cm langen Blinker mit sich herum. Dieser hatte die Mittelzehe durchbohrt und war verrostet. Nur mit Mühe gelang es mir den Blinker zu entfernen.
Es blieb ein Loch in der Zehe zurück und die Wunde entzündete sich leicht. W49 hatte mehrere Monate lang Beschwerden. Sie schonte den Fuß und zog ihn nach Möglichkeit immer hoch unters Gefieder. Seit diesem Jahr ist sie wieder völlig wohlauf. Das Loch ist verheilt und sie hat keine Beschwerden mehr. Auch Angelschnur- und Angelhakenverletzungen betreffen sowohl beringte als auch unberingte Blässrallen. In diesem Fall war ein beringtes Blässhuhn betroffen. Dennoch scheint mir die Beringung nicht die Ursache zu sein.

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Über blesshuhn

ehrenamtliche Mitarbeiterin für den Arbeitskreis an der Vogelschutzwarte Hamburg
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2 Antworten zu Humpelnde Blässhühner: Sind Ringe gefährlich?

  1. Bibo59 schreibt:

    Vielleicht ist es auch relevant ob die Vögel auf unnatürlichen Untergünden laufen.
    Ich arbeite gerade an einem Film über Pinguine und da wurde das als „Bumblefoot“ bezeichnet. Auf hartem oder scharfkantigem Grund scheuert die Fußsohle auf und das ganze entzündet sich. Den Ausdruck habe ich auch schon im Zusammenhang mit Zoo-Flamingos gehört. Nun gibt es ja ohne Zweifel an der Alster und den Kanälen mehr künstliche Uferbefestigungen und Asphalt als an natürlichen Gewässern.

  2. Merle schreibt:

    Danke! Dieser Artikel ist eine großartige Argumentationshilfe.

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